Kapitel 4.1

Existenzsichernde Löhne und Einkaufspraktiken

Themen im Fokus

In den Produktionsländern der Textilindustrie werden häufig keine existenzsichernden Löhne gezahlt, selbst wenn gesetzlich festgelegte Mindestlöhne eingehalten werden. Gemäß der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gilt ein Lohn als existenzsichernd, wenn er den Arbeiter*innen und ihren Familien einen angemessenen Lebensstandard ermöglicht, wobei die Gegebenheiten des jeweiligen Landes und die während der normalen Arbeitszeit geleistete Arbeit berücksichtigt werden. Als offizieller Referenzrahmen für die Arbeit des Textilbündnisses und seiner Mitglieder zu verantwortungsvollen Einkaufspraktiken und existenzsichernden Löhnen dient zum einen das Common Framework for Responsible Purchasing Practices (CFRPP) sowie eine Liste anerkannter Referenzwerte für existenzsichernde Löhne in einzelnen Ländern und Regionen 

Auf der Textilbündnis-Website finden Sie weitere Informationen zum Fokusthema Existenzsichernde Löhne und Einkaufspraktiken. 

Bündnisinitiative Organic Cotton

Um die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen des Baumwollanbaus zu überwinden, fördert das Textilbündnis mit der Bündnisinitiative Organic Cotton die Umstellung auf Bio-Anbau in Indien. Zu den ökologischen Risiken gehört zum Beispiel Bodenerosion, unter anderem durch den Einsatz giftiger Chemikalien. Außerdem sind die Arbeitsbedingungen auf Baumwollfeldern oft katastrophal: Aufgrund fehlender Schutzausrüstung, kommen Bäuerinnen und Bauern in direkten Kontakt mit gesundheitsschädlichen Chemikalien. Ausbeutung, Kinderarbeit und unzureichende Bezahlung sind darüber hinaus häufige Missstände.  

Die Bündnisinitiative Organic Cotton setzt sich mit Maßnahmen in den Bereichen Capacity Building, Bewusstseinsbildung, Vernetzung und Beschaffung dafür ein, rund 10.800 Produzenten bei der Umstellung auf den Bio-Baumwollanbau zu unterstützen. Ein Beispiel hierfür ist, neben den agronomischen Trainings sowie Zugang zu nicht genmodifiziertem Saatgut, die Entwicklung des Trainings zu menschenwürdiger Arbeit (Decent Work). Die beteiligten Brands unterstützen die Kleinbäuer*innen durch Abnahmevereinbarungen und Prämienzahlungen.  

Im Februar 2024 entwickelten und veröffentlichten die Umsetzungspartner Organic Cotton Accelerator (OCA) und  Transform Trade (früher: Traidcraft) ein Training zum Konzept der Decent Work für Kleinbäuerinnen und -bauern sowie Farmarbeiter*innen im indischen Bio-Baumwollsektor, das derzeit pilotiert wird.  

Das Besondere an diesem Training ist, dass es im Gegensatz zu üblichen Standards für biologische Landwirtschaft soziale Aspekte berücksichtigt. Gerade Kleinbäuerinnen und -bauern arbeiten oftmals unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen, die nicht den Anforderungen menschenwürdiger Arbeit entsprechen. Deshalb setzen die Schulungsmaterialien genau dort an. In acht Modulen, die sowohl auf Englisch als auch auf Hindi verfügbar sind, können die vier Kernprinzipien von Decent Work als Workshop vorgestellt werden. Die Inhalte wurden in enger Zusammenarbeit mit Branchenexpertinnen und lokalen Partnern von OCA speziell für den indischen Kontext entwickelt, um die dortigen Bäuerinnen und Bauern im Baumwollsektor für ihre Rechte zielgerichtet zu sensibilisieren. In Workshops wurden mit Hilfe der Trainingsmaterialien Multiplikator*innen ausgebildet, welche im Laufe des Jahres eigene Workshops mit weiteren Bäuerinnen und Bauern sowie Farmarbeiter*innen durchführt haben. 

Darüber hinaus veranstaltete das Textilbündnis im Rahmen der Bündnisinitiative Anfang des Jahres zwei Webinare zu den Themen „Traceability von Baumwolle“ und „Existenzsichernde Einkommen in Baumwollanbauregionen“ für seine Mitglieder. 

Diese Mitglieder und Partner beteiligten sich an der Bündnisinitiative Organic Cotton

Unternehmen: 
Brands Fashion GmbH, C&A Mode GmbH & Co. KG, Formesse GmbH & Co. KG, H&M Group, s.Oliver Group, , Tchibo GmbH 

Zivilgesellschaftliche Akteure: 
Fairtrade Deutschland e.V., Global Standard gemeinnützige GmbH (GOTS), Südwind e.V. 

Weitere Kooperationspartner: 
Organic Cotton Accelerator (OCA) 

Bündnisinitiative Learning and Implementation Community (LIC)

Die Einkaufspraktiken europäischer Einzelhändler und Marken haben einen erheblichen Einfluss auf die Menschenrechts- und Umweltbedingungen entlang textiler Lieferketten. Niedrige Preise, die teils unter den Produktionskosten liegen, sowie zu kurze Vorlaufzeiten bei Bestellungen tragen beispielsweise zu Menschenrechtsverletzungen wie extrem niedrigen Löhnen, exzessiven Überstunden und schweren Arbeitsunfällen bei. Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken sind daher ein wichtiger Hebel, um Risiken zu mindern und negativen Auswirkungen vorzubeugen oder diese zu beenden.  

Ziel der Bündnisinitiative Learning and Implementation Community (LIC) ist es, die Prinzipien und Praktiken des Common Framework for Responsible Purchasing Practices (CFRPP) durch die teilnehmenden Bündnisunternehmen in die Praxis umzusetzen und ihre Einkaufspraktiken so anzupassen, dass langfristig die Situation der Arbeiter*innen in den Produktionsländern verbessert wird. Die fünf Prinzipien definieren verantwortungsvolle Einkaufspraktiken und hinterlegen diese mit konkreten Praktiken, die eine effektive und partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen einkaufenden Unternehmen und Produzenten ermöglichen sowie die Zahlung existenzsichernder Löhne in Produktionsbetrieben unterstützen können. Im Rahmen der Bündnisinitiative werden dazu individuelle Maßnahmenpläne erstellt und umgesetzt. Über regelmäßige Mentoring-Termine tauschen sich die Bündnisunternehmen im Sinne eines Peer-Learning-Formats über ihre Erfahrungen, Herausforderungen und gute Praktiken aus. 

Im Jahr 2024 wurden die letzten zwei Prinzipien – “Fair Payment Terms” und “Sustainable Costing” – im Detail behandelt und die gesamte LIC Ende des Jahres mit einem virtuellen Abschlusstreffen und öffentlichen Webinar beendet. Die teilnehmenden Bündnisunternehmen trafen sich im Rahmen der Bündnisinitiative weiterhin regelmäßig zum Austausch. Im September wurden bisherige Erfahrungen und Learnings gesammelt, um die Treffen bis Projektende und die zukünftige Arbeit des Textilbündnisses in dem Thema entsprechend zu gestalten. 

Diese Mitglieder und Partner beteiligten sich an der Bündnisinitiative Learning and Implementation Community

Unternehmen: 
Hugo Boss AG, KiK Textilien und Non-Food GmbH, WEITBLICK GmbH & Co. KG, Sympatex Technologies GmbH, Hch. Kettelhack GmbH & Co. KG, ALDI Nord Deutschland Stiftung & Co. KG, KAYA&KATO GmbH (Grüner Knopf-Unternehmen) 

Weitere Kooperationspartner: 
MSI Working Group for Responsible Purchasing Practices: Fair Wear Foundation, Ethical Trading Initiative, Ethical Trade Norway, Solidaridad, GIZ Globalvorhaben „Initiative für globale Solidarität” 

Bündnisinitiative Living Wage Lab 2.0

Die Bündnisinitiative Living Wage Lab 2.0 zielt darauf ab, die Zahlung existenzsichernder Löhne in der Textilindustrie zu fördern und baut auf den Ergebnissen des Vorgängerprojekts, Living Wage Lab 1.0, auf. Während sich das erste Projekt auf die Überprüfung von Einkaufspraktiken, Lohndatenerhebung und Lohnlückenberechnung konzentrierte, liegt der Fokus in der zweiten Phase auf der Entwicklung individueller Living Wage-Strategien der Mitgliedsunternehmen. 

Ein erster Kick-off für das Living Wage Lab 2.0 fand im Februar 2024 statt, gefolgt von einem Workshop im Juni. In dem Kick-off wurden Umsetzungsmodelle geteilt und Herausforderungen zur Zahlung existenzsichernder Löhne diskutiert. In dem darauffolgenden Workshop, organisiert von Ergon Associates, wurden erste Ansätze zur Entwicklung einer Living Wage-Strategie erarbeitet und definiert. Die Teilnehmer*innen arbeiteten in Kleingruppen (Solution Labs) zu Themen wie der Umsetzung der Strategie, der Zusammenarbeit mit Lieferanten und der Sicherung interner Zustimmung im Unternehmen. Die Ergebnisse der Kleingruppen wurden zusammengetragen und werden als Grundlage für die Weiterentwicklung der eigenen Strategien der Unternehmen im Rahmen von Peer-Learning-Formaten genutzt. 

Ein weiterer Schwerpunkt der zweiten Projektphase liegt auf der Förderung des sozialen Dialogs in den Umsetzungsländern Bangladesch, Indien und Pakistan. Die Ethical Trading Initiative (ETI) fungiert dabei als Umsetzungspartner vor Ort in den Produktionsstätten der Bündnismitglieder. Durch gezielte Capacity-Building-Maßnahmen werden Arbeitnehmer*innen für ihre Rechte sensibilisiert und in der Durchsetzung dieser Rechte unterstützt. Gleichzeitig werden bei Zuliefererbetrieben Daten zu den Auswirkungen von Löhnen auf Arbeiter*innen gesammelt, um einen Daten-basierten sozialen Dialog zu ermöglichen. Darüber hinaus wird auch das Fabrikmanagement für das Thema sensibilisiert.  

Zusätzlich zur Auftaktveranstaltung und dem Präsenzworkshop, fanden im letzten Jahr vier weitere virtuelle Treffen der Bündnisinitiative statt. Neben externen Inputs zum Thema lag der Fokus der Treffen auf dem Erfahrungsaustausch und Peer-Learning zur Entwicklung der individuellen Strategien und Maßnahmenpläne.  

In den Produktionsstätten der drei Umsetzungsländer wurden Daten zur Lohnsituation erhoben und ein “Social Dialogue”-Programm zugeschnitten auf die jeweilige Ausgangslage entwickelt und umgesetzt.

Diese Mitglieder und Partner beteiligten sich am Living Wage Lab 2.0

Unternehmen: 
Bierbaum-Proenen, Chaps Merchandising, GREIFF Mode GmbH & Co. KG, Hugo Boss AG, Hch. Kettelhack GmbH & Co. KG, KiK Textilien und Non-Food GmbH, Ortovox Sportartikel GmbH, Vaude Sport GmbH & Co. KG, Waschbär GmbH, WEITBLICK GmbH & Co. KG, 3FREUNDE 

Zivilgesellschaftliche Akteure: 
INKOTA Netzwerk e.V., Fairtrade DE, GoodWeave 

Umsetzungspartner: 
Ethical Trading Initiative (ETI), Ergon Associates

Aktuelles

Einkaufspraktiken anpassen, Existenzen sichern

Auch im Textilbündnis steht das Thema Existenzsichernde Löhne weiterhin im Fokus. So setzt sich unter anderem die Bündnisinitiative Living Wage Lab 2.0 dafür ein, die Lücke zwischen den gegenwärtigen Löhnen und existenzsichernden Löhnen für Textilarbeiter*innen in den Zulieferbetrieben der teilnehmenden Bündnismitglieder zu reduzieren.  

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Umweltschutz