Kapitel 4.4
Beschwerdemechanismen und Abhilfe
Themen im Fokus
Ein effektiver Zugang zu Abhilfe und Wiedergutmachung ist wesentlicher Bestandteil unternehmerischer Sorgfaltspflichten und stand auch im Jahr 2024 bei der Arbeit des Bündnisses im Fokus. Arbeiter*innen in der textilen Lieferkette müssen die Möglichkeit haben, auf Missstände am Arbeitsplatz hinzuweisen und gegebenenfalls entsprechende Abhilfe und Wiedergutmachung erhalten, ohne dabei negative Auswirkungen auf Ihren Job zu befürchten. Unternehmen stehen daher in der Verantwortung, dies (potenziell) betroffenen Personen zu ermöglichen und geeignete Beschwerdemechanismen zu schaffen. Das Textilbündnis und seine Mitglieder setzen sich insbesondere in Kontexten, in denen bisher keine geeigneten Strukturen bestehen, dafür ein, neue Beschwerdemechanismen aufzubauen oder bestehende weiterzuentwickeln. Mit der Umsetzung der drei Bündnisinitiativen Joint Grievance Mechanism – with Fair Wear Foundation, Access to Remedy und Digital Complaints Management and Capacity Building hat das Bündnis im vergangenen Jahr aktiv an gemeinsamen Maßnahmen in diesem Themenfeld gearbeitet.
Als Orientierung dient in dem Bereich auch der im Jahr 2024 von OHCHR veröffentlichte Guide „Access to Remedy in cases of business-related Human Rights Abuse”.
Weitere Informationen zu dem Fokusthema sind auf der Textilbündniswebsite zu finden: Fokusthema Beschwerdemechanismen und Abhilfe – Bündnis für nachhaltige Textilien
Aktuelles
amfori, Fair Wear und BNT bündeln weiter ihre Kräfte, um Beschwerden aus geteilten Fabriken ihrer Mitglieder besser zu adressieren
Im September 2022 unterzeichneten amfori, Fair Wear und das Bündnis für nachhaltige Textilien (BNT) eine Absichtserklärung (MoU), um gemeinsam Beschwerden von Arbeiter*innen in Fabriken zu adressieren, die von ihren Mitgliedern genutzt werden. Nun haben sich die Organisationen darauf geeinigt, diese Zusammenarbeit fortzusetzen, die Ressourcen für die Behebung von Missständen zu bündeln und weitere Erkenntnisse für die Branche zu gewinnen, um die Ansätze für den Zugang zu Abhilfe anzugleichen.
Bündnisinitiative Joint Grievance Mechanism (with Fair Wear Foundation)
Die Bündnisinitiative Joint Grievance Mechanism arbeitet zusammen mit Fair Wear daran, den Zugang zu wirksamen Beschwerdemechanismen für Arbeiter*innen in der Textilindustrie nachhaltig zu verbessern. Ziel ist es außerdem, bestehende Ansätze im Bereich Beschwerden und Abhilfe besser aufeinander abzustimmen.
Die Bündnisinitiative hat im Oktober 2024 erfolgreich ihre zweite Projektphase beendet. Im Fokus stand dabei vor allem die Frage, wie Arbeiter*innen in der Textil- und Bekleidungsindustrie besseren Zugang zu Abhilfe erhalten können. Gleichzeitig wurde getestet, wie sich ein gemeinsamer Ansatz für den Ausbau zugänglicher und wirksamer Beschwerdemechanismen umsetzen lässt. In dieser Phase wurde die Arbeit auf Fabriken in Bangladesch, die Türkei und Teile Osteuropas ausgeweitet. Die erste Phase hatte sich zuvor auf Indien und Vietnam konzentriert. Insgesamt arbeitete die Initiative in der zweiten Phase mit über 26 Fabriken in den fünf Ländern zusammen. Dadurch erhielten etwa 18.000 Arbeiter*innen Zugang zu Abhilfe über den Fair Wear-Beschwerdemechanismus. Etwa 60 % davon waren Frauen. Unterstützt wurde die Bündnisinitiative außerdem von dem Bündnis-Mitglied FEMNET e.V.. Die zivilgesellschaftliche Organisation spielte eine zentrale Rolle dabei, die Perspektiven der Arbeiter*innen einzubringen und ihre Interessen wirksam zu vertreten.
Damit Beschwerdemechanismen erfolgreich sind, ist es wichtig, dass die Arbeiter*innen ihre Rechte kennen und über existierende Beschwerdemechanismen (wie dem von Fair Wear) informiert sind. Dies wurde im Rahmen des Projektes zum Beispiel durch Besuche von Fabriken, Informationskampagnen und Training-Sessions umgesetzt. Ebenso wichtig war die Zusammenarbeit zwischen den teilnehmenden Unternehmen. In sogenannten „Peer-to-Peer“ Lernsitzungen tauschten sie sich über ihre Erfahrungen aus und konnten so Herausforderungen und bewährte Praktiken offen diskutieren, um basierend darauf anschließend gemeinsam Möglichkeiten für Verbesserungen und gegenseitige Unterstützung zu schaffen. Dabei ging es vor allem darum, wie Rechteinhaber*innen besser in Beschwerdeprozesse eingebunden werden können und um Unterstützung bei Abhilfemaßnahmen.
Fair Wear und das Bündnis sammelten wichtige Erfahrungen dabei, wie bestehende Beschwerdemechanismen gemeinsam genutzt und besser aufeinander abgestimmt werden können. Ziel war es, den Zugang zu Abhilfe wirksamer und koordinierter zu gestalten. Diese Erkenntnisse können künftig helfen, auf Branchenebene einheitlichere und effizientere Systeme im Umgang mit Arbeitsrechtsverletzungen zu entwickeln.
Der erfolgreiche Abschluss des Projektes und die enge Zusammenarbeit mit Fair Wear unterstreichen erneut die Stärke von gemeinsamem Engagement mehrerer Interessengruppen – insbesondere bei komplexen Herausforderungen in globalen Textillieferketten.
Das zeigt sich auch in der Entscheidung von Fair Wear, ihren Beschwerdemechanismus über die Bündnisinitiative hinaus langfristig für Bündnismitglieder zu öffnen. So wird zukünftig mehr Arbeiter*innen der Zugang zu einer vertrauenswürdigen Beschwerdestruktur ermöglicht. Diese wegweisende gemeinsame Kooperation wurde auf dem „2025 OECD Forum on Due Diligence in the Garment and Footwear Sector“ mit der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding durch Annabel Meurs, Associate Director bei der Fair Wear Foundation, und Gina Burgard, Leiterin des Bündnis Sekretariats festgehalten.
Diese Mitglieder und Partner beteiligten sich an der Bündnisinitiative Joint Grievance Mechanism
Unternehmen:
Brands Fashion, Cotton’n’more, Karl Dieckhoff, Esprit, Seidensticker
Zivilgesellschaftliche Akteure:
FEMNET e.V.
Weitere Umsetzungspartner: Fair Wear Foundation, Cividep
Aktuelles
Rückblick auf die zweite Phase der BNT Bündnisinitiative Joint Grievance Mechanism mit Fair Wear
Im Oktober 2024 endete die zweite Phase der Bündnisinitiative Joint Grievance Mechanism mit Fair Wear und dem Bündnis für nachhaltige Textilien (BNT) und markierte damit den erfolgreichen Abschluss eines transformativen, mehrjährigen Umsetzungsprojekts. Ziel dieser zweiten Phase der Bündnisinitiative, die im Mai 2023 startete, war es, den Zugang zu Abhilfe für Arbeiter*innen in der Textil- und Bekleidungsindustrie auszuweiten und zu testen, wie machbar ein gemeinsamer Ansatz für den Ausbau zugänglicher Beschwerdemechanismen ist.
Bündnisinitiative Access to Remedy for (Refugee) workers
Die Bündnisinitiative Access to Remedy verfolgt das Ziel, die Arbeitsbedingungen für Geflüchtete, die in der türkischen Textil- und Bekleidungsindustrie arbeiten, zu verbessern. Sie möchte zudem den Zugang zu wirksamen Beschwerdemechanismen erleichtern und ein besseres Bewusstsein für die Rechte von Arbeiter*innen schaffen. Diese Gruppe gilt als besonders vulnerabel – unter anderem aufgrund von Sprachbarrieren und fehlender Kenntnisse über ihre eigenen Rechte. Um dies zu erreichen, fördert die Bündnisinitiative das digitale „Worker Support Center“ (WSC) der Refugee Support Association (MUDEM). Über das WSC haben Arbeiter*innen die Möglichkeit Beschwerden einzureichen, welche dann gemeinsam mit MUDEM und den teilnehmenden Unternehmen bearbeitet werden.
Bei einer gemeinsamen Reise in die Türkei im März 2024 konnten sich die Mitglieder vor Ort selbst einen guten Eindruck über die Arbeit des Projektpartners MUDEM verschaffen. Sie erhielten Einblicke in die praktische Umsetzung des WSC und konnten sehen, wie dieses in den Fabriken verankert ist.
Das Programm bot eine wertvolle Gelegenheit zum Austausch zwischen Vertreter*innen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Zentrale Fragen waren, wie gute Abhilfe in verschiedenen Kontexten, speziell für vulnerable Gruppen, aussehen kann; welche Rolle hier den verschiedenen Akteursgruppen zugeschrieben wird und welche Schnittstellen noch besser genutzt werden können. Im Fokus standen Themen, zu denen bei MUDEM am häufigsten Beschwerden eingehen: Arbeitserlaubnis, Löhne und Missbrauch am Arbeitsplatz.
Die Erfahrungen aus dem Projekt verdeutlichen, dass eine übergreifende Zusammenarbeit verschiedener Akteursgruppen entscheidend ist, um den Zugang zu effektiven Beschwerdemechanismen und Abhilfe, sowie Wiedergutmachung für (geflüchtete) Arbeiter*innen nachhaltig zu verbessern.
Diese Mitglieder und Partner beteiligen sich an der Bündnisinitiative Access to Remedy for (Refugee) workers
Unternehmen:
Primark, C&A, NKD, Jefferys, IVY OAK, KiK, textilekonzepte, Adidas, Ceres, Puma
Weitere Umsetzungspartner: MUDEM – Refugee Support Association
Artikel
Die Rechte von Geflüchteten im Textilsektor stärken
Die Mitglieder der Bündnisinitiative (BI) „Access to Remedy for (Refugee) Workers“ konnten sich bei einer Reise in die Türkei im März 2024 selbst von der Arbeit überzeugen, die der Projektpartner MUDEM vor Ort leistet. Gemeinsam setzen sie sich in dem Projekt dafür ein, den Zugang zu effektiven Beschwerdemechanismen sowie wirksame Abhilfe und Wiedergutmachung für (geflüchtete) Arbeiter*innen zu fördern, um die Arbeitsbedingungen in der türkischen Textilindustrie nachhaltig zu verbessern.
Bündnisinitiative Digital Complaints Management and Capacity Building
Die Bündnisinitiative Digital Complaint Management and Capacity, befand sich 2024 aktiv in der Umsetzungsphase von zwei Teilprojekten entlang der tieferen textilen Lieferkette in den Produktionsländern China und Vietnam. Mit unterschiedlichen Ansätzen verfolgt die Initiative in beiden Ländern das Ziel, den Zugang zu wirksamen (auch digitalen) Beschwerdemechanismen für (potenziell) betroffene Arbeiter*innen zu stärken bzw. einzurichten, sodass Risiken frühzeitig erkannt und gemindert werden. Begleitet werden die Projekte von Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung sowie Schulungen für Textilarbeiter*innen und Fabrikmanagement. Diese umfassen wichtige Themen wie Arbeitsschutz, Löhne und Arbeitszeiten, effektive Kommunikation zwischen Belegschaft und Management sowie sichere Beschwerdewege.
Langfristig soll so ein Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den teilnehmenden Zulieferbetrieben geleistet werden.
Als Teil der Projektkomponente in China können die Zulieferer über eine vom Projektpartner Quizrr bereitgestellte Plattform die Abschlussquoten der Schulungen und den Wissensfortschritt überwachen. Das schwedische EdTech-Unternehmen nutzt digitale Schulungslösungen, um Mitarbeitende in globalen Lieferketten zu Themen wie Arbeitsrechte oder Sicherheit am Arbeitsplatz zu schulen.
In Vietnam wird das Schulungsprogramm in Zusammenarbeit mit der lokalen Non-Profit-Organisation Center for Development and Integration (CDI) umgesetzt, welche spezialisiert ist auf die Förderung von Arbeitsrechten in der Textilindustrie mit besonderem Augenmerk auf gefährdete Gruppen. Die Schulungen finden in Form von Vor-Ort-Schulungen statt, die individuell auf die spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Fabriken zugeschnitten sind.
Zudem wurden digitale Feedbackmöglichkeiten für Arbeitnehmende eingeräumt. Dies sind Mechanismen, die bestehende Beschwerdesysteme ergänzen und somit unter anderem das Vertrauen und Engagement der Arbeiter*innen stärkt. In China geschieht dies unter der Leitung des Projektpartners Ulula, einem Unternehmen für Menschenrechtstechnologie und –analyse. In Vietnam wird es in Zusammenarbeit mit atlat GmbH umgesetzt, welche niedrigschwellige Beschwerdekanäle für Arbeitnehmende sowie eine Plattform für Abhilfe und Berichterstattung bietet.
Diese Mitglieder und Partner beteiligen sich an der Bündnisinitiative Digital Complaints Management and Capacity Building
Unternehmen:
Deltex, deuter, ORTOVOX, Sympatex
Zivilgesellschaftliche Akteure:
CARE Deutschland e.V.
Weitere Umsetzungspartner:
China-Komponente: Ulula, Quizzr
Vietnam-Komponente: CDI (Umsetzungspartner Bündnis), atlat (Selbstfinanzierter Umsetzungspartner der teilnehmenden Unternehmen)