Kapitel 4.2

Existenzsichernde Löhne und Einkaufspraktiken

Fokusthema

In den Produktionsländern der Textilindustrie werden häufig keine existenzsichernden Löhne gezahlt, selbst wenn gesetzlich festgelegte Mindestlöhne eingehalten werden. Insbesondere die gängigen Einkaufspraktiken von Brands berücksichtigen nicht, ob existenzsichernde Löhne an Arbeiter*innen gezahlt werden können. Das Bündnis für nachhaltige Textilien und seine Mitglieder streben verantwortungsvolle Einkaufspraktiken und die Zahlung existenzsichernder Löhne in der Lieferkette gemäß anerkannter Benchmarks an. Seit letztem Jahr dient das Common Framework for Responsible Purchasing Practices (CFRPP) als offizieller Referenzrahmen im Textilbündnis.  

Auf der Textilbündnis-Website finden Sie weitere Informationen zum Fokusthema Existenzsichernde Löhne und Einkaufspraktiken. 

Bündnisinitiative (BI) Living Wage Lab 2.0

Eines der ins Leben gerufenen Projekte zur Förderung der Zahlung existenzsichernder Löhne bildet die Bündnisinitiative Living Wage Lab 1.0 (LWL 1.0). Diese wurde im März 2023 abgeschlossen. In dieser ersten Phase bot die Bündnisinitiative den beteiligten Bündnismitgliedern die Möglichkeit sich darüber zu verständigen, was ein existenzsichernder Lohn ist und wie man ihn erreicht. Die Aktivitäten im Lab 1.0 umfassten unter anderem: 

  • Eine Überprüfung der eigenen Einkaufspraktiken 
  • Eine Vorstellung von Tools zu Lohndatenerhebung und Lohnlückenberechnung 
  • Schulungen und Trainings mit Unternehmen und Zulieferbetrieben 
  • gemeinsame Ideenentwicklung von Unternehmen und Produzenten für lohnsteigernde Maßnahmen 

Im Jahresbericht von 2022 finden Sie weitere Informationen zu der ersten Phase des Living Wage Labs. 

Aufbauend auf den Erfahrungen und Ansätzen aus der ersten Phase fanden in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 sowohl im Strategiekreis als auch mit den Unternehmen des Bündnisses diverse vorbereitende Termine und Gespräche zur Fortsetzung der Bündnisinitiative als Living Wage Lab 2.0 (LWL 2.0) statt. Die Bündnisinitiative LWL 2.0 zielt darauf ab, die Lücke zwischen den gegenwärtigen Löhnen und den angestrebten existenzsichernden Löhnen für Textilarbeiter*innen in Zulieferbetrieben der teilnehmenden Bündnismitglieder zu reduzieren.

Ergänzend zur ersten Phase werden diesmal konkrete Maßnahmen mit den Zulieferern in Bangladesch, Indien und Pakistan umgesetzt, wie beispielsweise Capacity-Building für Arbeitnehmenden in den nominierten Fabriken zur Wahrnehmung ihrer Rechte in Bezug auf existenzsichernde Löhne, sowie Maßnahmen zur Stärkung von sozialem Dialog. Parallel erarbeiten die teilnehmenden Bündnisunternehmen gemeinsam Strategien zur Schließung der Lohnlücke und systematischen Integration von existenzsichernden Löhnen in ihre Einkaufsprozesse. Neben Workshops finden dazu regelmäßige Peer-Learning-Austausche statt. Ein erster Kick-Off für das Living Wage Lab 2.0 fand im Februar 2024 statt.

Diese Mitglieder beteiligten sich am Living Wage Lab 1.0

Unternehmen:
ALDI Süd KG, Bierbaum Proenen, Chaps Merchandising, Deuter Sport GmbH, GREIFF Mode GmbH & Co. KG, Hugo Boss AG Hch. Kettelhack GmbH & Co. KG, Ortovox Sportartikel GmbH, Otto Group, Vaude Sport GmbH & Co., Waschbär GmbH, KiK Textilien und Non-Food GmbH

Zivilgesellschaftliche Akteure:
DGB, Südwind, Inkota Netzwerk e.V.

Diese Mitglieder beteiligen sich am Living Wage Lab 2.0

Unternehmen:
Bierbaum-Proenen, Chaps Merchandising, GREIFF Mode GmbH & Co. KG, Hugo Boss AG Hch. Kettelhack GmbH & Co. KG, KiK Textilien und Non-Food GmbH, Ortovox Sportartikel GmbH, Vaude Sport GmbH & Co., Waschbär GmbH, 3FREUNDE

Zivilgesellschaftliche Akteure:
INKOTA Netzwerk e.V., Fairtrade DE

Bündnisinitiative (BI) Organic Cotton

Basierend auf den Erfahrungen des gleichnamigen Pilotprojekts startete im September 2021 die Bündnisinitiative (BI) Organic Cotton in Indien. Die BI hat es sich zum Ziel gesetzt, eine faire, umweltfreundliche und wirtschaftlich tragfähige Lieferkette für Bio-Baumwolle mit aufzubauen und den Zugriff auf Bio-Baumwolle für Mitgliedsunternehmen zu erleichtern. Hierzu unterstützte die Bündnisinitiative in der Saison 2022-2023 11.363 Kleinbäuer*innen in den Bundesstaaten Madhya Pradesh, Rajasthan, Odisha und Gujarat in Indien darin, auf Bio-Baumwollanbau umzustellen. Entsprechend erhielten die Kleinbäuer*innen zielgerichtete landwirtschaftliche Trainings sowie Zugang zu gentechnikfreiem Bio-Saatgut. Insgesamt wurden so bisher ca. 60.000 Menschen unterstützt, da die Familien aus durchschnittlich sechs Personen bestehen. In der ersten Saison konnten auf diese Weise fast 16.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche nachhaltiger bewirtschaftet werden. Zudem wurden Trainingsmodule zu „decent work“ entwickelt und 2023 in ersten Workshops für Multiplikator*innen erfolgreich pilotiert.  

Darüber hinaus unterstützen die teilnehmenden Unternehmen die Farmer durch Abnahmevereinbarungen und Prämienzahlungen. Demnach erhielten im ersten Jahr 6.288 Kleinbäuer*innen der unterstützten 11.363 Kleinbäuer*innen eine Marktanbindung und Prämienzahlung von den beteiligten Unternehmen für den Verkauf ihrer in-conversion-Baumwolle. Dies führte dazu, dass diese ein um 48% erhöhtes Einkommen pro Hektar im Vergleich zu konventionell arbeitenden Baumwollproduzent*innen aufwiesen. Die restlichen Farmer habenihre Baumwolle auf den freien Markt ohne Prämienzahlung verkauften. In der Konsequenz verließen 846 Farmer das Projekt nach der ersten Saison (2022-2023). Die Anzahl der unterstützten Farmer im zweiten Jahr sinkt damit auf 10.517 Baumwollproduzent*innen. Eine Beteiligung weiterer Bündnismitglieder und insbesondere von Mitgliedsunternehmen wäre somit sehr wichtig, um Marktanbindung und Prämienzahlung für weitere Bauern zu gewährleisten. Bei Interesse gerne beim Sekretariat melden.  

Weitere Informationen zu in-conversion Baumwolle finden Sie in diesem Beitrag.

Diese Mitglieder beteiligten sich an der BI Organic Cotton

Unternehmen:
ALDI Einkauf SE & Co. oHG, ALDI Süd KG, Brands Fashion GmbH, C&A Mode GmbH & Co. KG, Esprit Europe Services GmbH, Formesse GmbH & Co. KG, H&M Group, s.Oliver Bernd Freier GmbH & Co. KG, Tchibo GmbH

Zivilgesellschaftliche Akteure:
Global Standard gemeinnützige GmbH (GOTS), Fairtrade Deutschland e.V.

Weitere Kooperationspartner: 
Organisation Organic Cotton Accelerator (OCA)

Aktuelles

Training zu Decent Work

Im Rahmen der Bündnisinitiative Organic Cotton wurde im Februar ein wichtiger Meilenstein erreicht: die Umsetzungspartner Organic Cotton Accelerator (OCA) und Traidcraft haben ein Training zum Konzept der Decent Work für Kleinbäuerinnen und -bauern sowie Farmarbeiter*innen im indischen Bio-Baumwollsektor entwickelt und veröffentlicht. Das Training wird nun pilotiert.  

Bündnisinitiative (BI) Learning and Implementation Community

Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken sind ein wirkungsvoller Hebel, um die Arbeitsbedingungen von Beschäftigten in Lieferketten positiv zu beeinflussen. Unter anderem können sie existenzsichernde Löhne für Arbeitnehmer*innen fördern und bei Lieferanten für eine bessere Planung und wirtschaftliche Nachhaltigkeit sorgen. Aus diesem Interesse heraus engagieren sich Unternehmen unterschiedlicher Multi-Stakeholder-Initiativen, darunter auch einige Unternehmen des Textilbündnisses, innerhalb der Learning & Implementation Community (LIC) für verantwortungsvolle Einkaufspraktiken. Das Ziel der BI ist es, die fünf Prinzipien und Praktiken des Common Frameworks for Responsible Purchasing Practices (CFRPP) kennenzulernen und in die Einkaufspraktiken der beteiligten Mitglieder zu integrieren, um diese letztlich zu verbessern. Die enge Kooperation zwischen teilnehmenden Unternehmen und ihren Lieferanten spielt dabei eine bedeutende Rolle.  

Seit 2023 wird die Beteiligung an der Learning and Implementation Community als Bündnisinitiative im Rahmen des Gemeinsamen Engagements anerkannt. Im letzten Jahr arbeiteten die Mitglieder der gesamten Learning and Implementation Community an drei der insgesamt fünf Prinzipien. Konkret befinden sich die Teilnehmenden derzeit in der Bearbeitung des Prinzip 4 ‚Fair Payment Terms‘. Ergänzend zu den Treffen der gesamten Learning and Implementation Community, finden in den einzelnen Multi-Stakeholder-Initiativen, so auch unter den an der Community beteiligten Bündnismitgliedern, Mentoring-Termine statt. Im Rahmen dieser werden die in den Haupttreffen vermittelten Inhalte nochmal in der Tiefe besprochen, sowie Erfahrungen und Herausforderungen im Sinne des Peer-Learnings geteilt, z.B. zu geplanten oder ersten umgesetzten Maßnahmen.  

Die Bündnisinitiative ist Ende 2022 gestartet, daher war das Jahr 2023 vor allem von der Weiterentwicklung der Maßnahmenplänen der Unternehmen und vom Austausch der Unternehmen mit ihren Lieferanten geprägt.  

Diese Mitglieder beteiligten sich an der BI Learning and Implementation Community

Unternehmen:
ALDI Einkauf SE & Co. OHG, Kettelhack, KiK, Sympatex Technologies GmbH, Weitblick, Kaya & Kato (Grüner Knopf-Unternehmen)

Weitere Kooperationspartner:
MSI Working Group for Responsible Purchasing Practices, GIZGlobalvorhaben „Initiative Globale Solidarität 

Kapitel 4.1
Umsetzung der Neuausrichtung
Kapitel 4.3
Kreislaufwirtschaft und Klima